WIE WOLLEN WIR LEBEN?

Die Pleite der US-Bank Lehman Brothers am 15. September 2008 war die größte Pleite eines Unternehmens, das die Welt je gesehen hat – zehnmal größer als die des US-EnergieriesenEnron im Jahr 2001. Die Folge war der Absturz der Aktienmärkte. Weltweit brachte der drohende Run auf die Banken das globale Finanzsystem an den Rande des Kollaps.

Im Frühjahr 2018, die Zeit, in der ich dieses Buch zusammenstelle, lese ich im Handelsblatt: „Inzwischen haben Staaten und der Privatsektor weltweit mehr Schulden angehäuft als vor der Finanzkrise.” Laut dem Institute of International Finance (IIF), dem Weltbanken-verband, liegen sie bei gigantischen 247 Billionen Dollar, was 318 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung entspricht.

Die Welt schuldet der Welt 247 Billionen Dollar – 318 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.

Sollte das Wirtschaftswachstum nachlassen, droht diese Schuldenblase zu platzen. Es braucht keinen Experten, um uns vor dem Ausbruch einer neuen Finanzkrise zu warnen. Diese neue Finanzkrise hätte das Potenzial, unser Wirtschaftssystem zum Einsturz zu bringen, samt Euro. Der Journalist Gabor Steingart schrieb 2016 in seinem Buch „Weltbeben“ über den Finanzmarkt: „Banken retten Staaten, Staaten­ retten Banken. Die Politiker nennen das Krisenbewältigung. In Wahrheit bereiten sie die nächste Weltwirtschaftskrise vor.“ Allein die Notenbanken der Euro-Partner wie Italien, Spanien oder Frankreich schulden der Bundesbank fast eine Billion Euro – so viel wie nie zuvor. Tendenz weiter steigend. Eine Sicherheit für dieses Geld gibt es nicht, schreibt die Tageszeitung „Die Welt“.

„Banken retten Staaten, Staaten retten Banken. Die Politiker nennen das Krisenbewältigung. In Wahrheit bereiten sie die nächste Weltwirtschaftskrise vor.“

Unser Leben tritt in eine Periode beispiellosen Systemwandels ein. Dieser wird diskutiert und analysiert, leider nur an der Peripherie. Gute Informationen und durchdachte kluge Szenarien finden wir inwenigen ausgewählten Foren: das Weltwirtschaftsforum in Genf ist so eines oder die Vereinten Nationen, amerikanische und britische Denkfabriken, Forschungszentren der Universitäten, auch das Handelsblatt oder die Asia Times bieten gut recherchierte Themen. So veröffentlicht das Weltwirtschaftsforum in Genf (WEF) ein Weckruf Dokument zum Thema „Die Vierte Industrielle Revolution und die Erde“. Wir werden gewarnt und aufgerüttelt zugleich. Demnach verliert die Erde ihre Artenvielfalt; eine von fünf Arten ist derzeit vom Aussterben bedroht. Wissenschaftler befürchten, diese Zahl steige auf 50 Prozent bis zum Ende des Jahrhunderts an.

  • haben mehr als 90 Prozent aller Vögel und Fische Plastikpartikel in ihren Mägen.
  • sind wir Verursacher eines Treibhausgaslevels, den die Erde seit drei Millionen Jahren nicht gesehen hat.
  • holzen wir gleichzeitig 29,7 Millionen Hektar Wald allein im Jahr 2016 ab – eine Rekordzahl.
  • sind wir seit dem Jahr 2014 jedes Jahr Zeuge rekordbrechender Temperaturen.

Wie wollen wir leben?

An anderer Stelle diskutiert das Forum das Ende des Nationalstaates: „Schrumpfende(r) Macht und Einfluss von Nationalstaaten wird häufig auf die Globalisierung zurückgeführt. Globalisierung – die rapide Verflechtung von Geld, Ideen und Kultur – heißt es, höhle die Autorität und Autonomie aus.“*

Welchen Einfluss, welche Auswirkung haben diese Entwicklungen auf die Gesellschaft, auf den Einzelnen?

Wo und wie bringen wir, jeder für sich, diese Informationen geordnet, gefiltert und verarbeitet unter, um mit unserem eigenen Leben fortzufahren? Die Antwort lautet: nirgends. Was wir gerade erleben, ist ein Kontrollverlust in vielen Bereichen unseres Lebens.

Geschwindigkeit und Ausmaß des Verschwindens unserer Weltordnung sind im Sinne des Wortes atemraubend. Dieses Schwinden bereitet uns schlaflose Nächte, täglich umherirrende Gedanken, unbeantwortete Fragen sorgen für Unwohlsein. Wir sehen, spüren und hören es, wohlwissend: Besser wird das Leben, wie wir es kennen, nicht mehr. Weder für uns, für die Gesellschaft, noch für unser Miteinander. Vierundzwanzig Stunden am Tag werden wir erinnert daran, dass wir nicht aufgepasst haben auf unsere Lebensweise, auf unsere Werte, versagt haben in der Disziplin des Gebens und Nehmens. Der Respekt ist uns mit gleichzeitig wachsendem Wohlstand abhandengekommen; unser Respekt vor der Natur, vor der Geschichte, vor der Liebe, vor andersdenkenden Menschen und zuletzt vor uns selbst. Die Würde des Menschen ist unantastbar, so steht es im Grundgesetz. Glücklicherweise ist es dort fest verankert, man könnte sonst annehmen, der Satz stamme aus einem Märchenbuch.

Wir sind Zeuge und zugleich Täter einer erdrutschartigen Verschiebung unserer Existenz.

Geradezu albern erscheint es, bei Politikern oder der Academia nach Antworten und Erklärungen, nach Führung zu suchen. Ob G20 oder Europäische Union, sie bleiben uns alle Antworten schuldig. Mehr noch, sie lassen die Völker der Welt in Ohnmacht unvereint, fragmentiert zurück. Es ist, als ob Winston Churchill nicht Chamberlain, seinen Vorgänger, adressierte mit den folgenden Worten, sondern die Politikerkaste unserer Zeit: „Sie haben den Entschluss gefasst, unentschlossen zu sein. Sie sind willens, keinen Willen zu haben. Mit eiserner Energie lassen sie die Zügel schleifen, allmächtig in ihrer Ohnmacht.“

Wohin führt das?

Unter anderem führt es zu einer krankheitsanfälligen Gesellschaft. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht davon, dass in einer zunehmend aufreibenden Welt die Zahl der Menschen, die psychisch erkrankt sind, enorm angestiegen ist. „Depression ist die Krankheit Nummer Eins in der Welt. Mehr als 300 Millionen Menschen leiden weltweit an Depressionen. Wir erleben einen Zuwachs in den Jahren zwischen 2005-2015um 18 Prozent. 260 Millionen Menschen leiden zudem unter Angststörungen. Viele leben mit beiden Konditionen.“ Dem Preis der Gesundheit ist natürlich ein Preis für die Wirtschaft zugeordnet. Die WHO spricht von Kosten, die durch psychische Erkrankungen auf die globale Wirtschaft entfallen, von einer Billion Dollar pro Jahr in Form von verloren gegangener Produktivität.*

Um es kurz zu machen:

So wollen wir nicht leben.

Viel schwieriger ist die Beantwortung der Frage:

Wie wollen wir leben?

Dieses Buch soll anregen, aufregen, Sie zu Ihrem nächsten Schritt bewegen. Dafür ist es geschrieben. Seit acht Jahren führe ich ein Logbuch, teils in Capital.de, teils in meinem eigenen Blog, meist in der Huffington Post. Ich greife aktuelle Themen auf und stelle überholte,alteingesessene Thesen und Annahmen in der Wirtschaft und Politik infrage. Gleichzeitig versuche ich Antworten zu finden. Was wir heute erleben, ist eine Zuspitzung dessen, was sich seit mehr als einer Dekade angebahnt hat. Sie werden die Themen wiedererkennen und heute, mit etwas Abstand, vielleicht fragen: Warum haben wir das Problem nicht besser gelöst?

Unser Leben ist komplex, und dieser Komplexität müssen wir, Sie und ich, zumindest versuchen, gerecht zu werden. Das ist nicht einfach, aber es ist richtig.

Brauchen globale Probleme globale Lösungsansätze? Trinkwassermangel, Flüchtlingsströme, Erderwärmung, Armut, Kriege und Brutalität, altes Europa und junges Arabien, Asiens Aufbruch, das Zeitalter der künstlichen Intelligenz – nichts davon wird ein Nationalstaat allein lösen können. Allein bleibt letztlich nur die schnelle, falsche Antwort: Diktatur, Mauern und Bomben. Natürlich müssen wir vor Ort unseren Beitrag leisten. Aber wer kontrolliert und korrigiert den, zieht unsere Regierungen zur Verantwortung?

Bisher diente die Globalisierung vor allem der Wirtschaft. Höchste Zeit, dass sie auch der Gemeinschaft dient.

In meinem ersten Buch, das von Mut und erfolgreicher Krisenbewältigung handelt, habe ich 2014 aus voller Überzeugung geschrieben: „Die Welt ist nicht mehr Schwarz und Weiß und Ost und West und Gut und Böse. Diese Welt ist unsere Welt. So wie sie ist.“ 2018 würde ich die Worte von Hans-Jürgen Jakobs aus seinem Buch Wem gehört die Welt? benutzen, wonach nur etwa 200 Oligarchen, mehr als 60 Prozent der Welt gehören. Diese Oligarchen befinden sich im Fahrersitz! Sie bestimmen den Preis für eine Büroklammer und den Wert eines Landes. Der Rest der Welt weiß nicht, was passiert. Um es mit Noam Chomsky zu sagen: „Die Menschen wissen nicht einmal, was sie nicht wissen.“

Wir müssen größer denken, tiefer gehen, ein Stück weiter.

Manchmal vor dem Schlafengehen ertappe ich mich bei dem Gedanken, wie schnell die Veränderung uns mitgerissen hat:

  • Gerade noch habe ich meine Tränen mit Milliarden Menschen am 4. November 2008 bei der Wahl von Barack Obama zum amerikanischen Präsidenten geteilt. Jeder Bürger konnte an diesem

Tag seinen Frieden mit den eigenen Dämonen schließen, wenn er wollte. Er konnte seine eigenen Träume neu abrufen. Heute scheinen die Erinnerungen an Obamas Aufstieg und seine achtjährige Amtszeit, als stammten sie aus einer vergangenen Epoche.

  • Gerade noch teile ich meine Freude und Sehnsucht mit Millionen Menschen am Tag der Maueröffnung, diesem deutschen

Traum, an dem drei Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg festgehalten hatten. Heute wirkt dieser Moment wie eine bitterschmerzliche Erinnerung an all unsere Fehler und Egoismen, die wir seitdem als Gesellschaft begangen haben.

  • Gerade noch erfreue ich mich an einer blühenden und freien Europäischen Union, die mit einheitlicher Stimme sprechen wollte und es doch nur bis zur Einheitswährung geschafft hat.

Schalte ich die alten Medien zu diesem Thema ein, erreicht mich die geballte Schwemme des Versagens. Weder blüht der Kontinent, noch ist er frei. Vor allem ist er nicht frei von seiner Vergangenheit, von seinem Tribalismus. Wolfgang Münchau schrieb in der Financial Times: „Ein Block von Nationen mit Klein-Länder-Denkweise schwelgt in einem permanenten Abhängigkeitsverhältnis.“

Die Zeitenwende, die wir gerade erleben, ist nicht neu. Neu ist sie für die Nachkriegsgenerationen der westlichen Welt, die Generationen der Verdränger und Konsumenten. Bei Stefan Zweig, dem Meister des Wortes, kann man nachlesen, wie erschütternd ein Aufwachen sein kann. In seinem Buch „Die Welt von Gestern“ hat er eine solche Zeitenwende, die für ihn mit dem Ersten Weltkrieg begann, beängstigend beschrieben. Beängstigend, weil so aktuell. Der Schriftsteller spricht von der „neuen Morgenröte“, an die man glaubte, dass sie bevorstehe. „Dabei war es bereits der Feuerschein des nahenden Weltbrands.“

Schlafen wir auf einem Vulkan?

Wie wollen wir leben?

Es brodelt überall, aber wir weigern uns noch immer strikt, hinzuschauen. Der Paradigmenwechsel, ausgelöst durch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, sorgte für den Umschlagspunkt oder Tipping Point, wie man in den USA sagt. Der Druck auf die Menschheit ist über Nacht noch einmal größer geworden. Wie bei einem Vulkanausbruch sucht das Magma sich seinen Weg, steigt über Spalten und Klüfte der Lithosphäre auf. Und wie sich bei einer Eruption vulkanisches Material mit Stoffen wie Wasser oder Luft vermischt, findet unser Druck Unterstützung im weltweit zunehmenden Zorn seiner Geschwister, der Armut und der Gewalt.

Abruptes Entladen ist das Resultat.

Oder vielleicht nicht?

Die Welt hat viele Seiten.

Sie finden in diesem Logbuch viele Gedanken von Professor Noam Chomsky, Amerikas wohl wichtigstem Intellektuellen und zudem meistzitiertem. Gleichauf haben der Lebensverlauf und die politischen Vorstellungen Barack Obamas ihren wichtigen Platz. Beide­ Männer, obwohl sie in völlig unterschiedlichen Lagern agieren, vereint doch Gemeinsames: zum Beispiel, dass man Informationen und Thesen hinterfragen soll, unabhängig vom Absender. Dass man lernen soll, jeden Tag. Dass man seinen Weg im Leben aktiv gehen muss, anstatt passiv auf einen Gott oder die Politik zu warten.

Es geht in den verschiedenen Kapiteln auch um den Nahen Osten (natürlich, um den geht’s immer), um Krisenbewältigungen auf persönlicher, unternehmerischer und gesellschaftlicher Ebene. Häufig zitiere ich aus Dokumenten des Genfer Weltwirtschaftsforums, dem Handelsblatt, der Financial Times. Ich blicke in die Arbeit des Internationalen Währungsfonds (IWF) und seiner wichtigsten Streiterin Christine Lagarde. Ich mache mir Gedanken über den Kapitalismus, die Sicherheit, den Frieden und sehr oft über die Zukunft der internationalen Finanzwelt.

Dieses Buch ist eine Erinnerung an den Weg, den wir seit 2010 gegangen sind, ein Weg, der uns geradezu in die heutige Situation geführt hat. Der uns zeigt, dass es nicht genügt, einen Good-Will-Ambassador an der Spitze eines Landes zu haben, wenn die Elite auf Zerstörung aus ist. Wir lernen, dass wir aktiv für unsere Rechte kämpfen müssen. Vielleicht nicht jeden Tag, doch aber an den meisten. Wir lernen, dass die Welt im Grunde wie ein großer Öltanker funktioniert. Ändern wir auch nur um fünf Grad die Richtung, hat das gewaltige Folgen für die Entwicklung der Menschheit in den kommenden Jahren. Wer den Tanker abrupt wenden will, wird kentern.

Künstliche Intelligenz, 3-D-Drucker, Handel auf digitalen Plattformen, sichere Datenbanken wie Blockchain, mobiler Zahlungsverkehr sind seit Jahren stetig entwickelt worden. Immer haben wir sie in die Nische gepackt. Nun sind sie da. Und bereits systemrelevant. Am besten, wir lernen diese neuen Technologien für uns zu nutzen. Sie werden nicht verschwinden, nur weil viele von uns sie als Bedrohung ansehen und deshalb ablehnen. Lassen wir uns darauf ein. Dort, wo vermeintlich Negatives durch neue Technologien entsteht, wie der Arbeitsplatzverlust, da entsteht auch Gutes, wie bessere medizinische Ausrüstung.

Scheuen Sie sich nicht, Ihre Gedanken mitzuteilen, sich auszutauschen. Sie können gern in meine Facebookgruppe Sibylle Barden- Fürchtenicht eintreten oder mit mir (und Gleichgesinnten) bei Xing oder LinkedIn diskutieren. Denken Sie daran: Der ideale Tag wird nie kommen. Er ist heute, wenn wir ihn dazu machen, hat schon Horaz gesagt, der römische Dichter. Sind Sie bereit?

Quellen:

http://www3.weforum.org/docs/WEF_Harnessing_4IR_Life_on_Land.pdf https://www.weforum.org/reports/harnessing-the-fourth-industrial-revolution-for-life-on-landhttps://www.weforum.org/agenda/2018/05/depression-prevents-many-of-us-from-leading-healthy-and-productive-lives-being-the-no-1-cause-of-ill-health-and-disability-worldwide/